Rapporteur: Rolf Weingartner
Die grundlegende Frage des ersten Vortragsblocks „Wie extrem ist extrem?" kann - das haben die verschiedenen Präsentationen deutlich gezeigt - ganz unterschiedlich beantwortet werden. So meinte eine Vortragende [5] treffend: „Was unter ‚relativ selten‘ zu verstehen ist, definieren viele Autoren entweder selbst, oder sie beziehen sich auf DIN 4049". Ein Autorenteam [4] versuchte, Extremereignisse in Anlehnung an Sarewitz & Pielke (2000) verbal einzugrenzen:
Und einem Posterautor [9] gelang es gar, das Tagungsobjekt mit leichter Ironie wie folgt zu fassen: Extrem = selten • selten • selten.
Die Schwierigkeiten bei der Definition von „extrem" hängen zum grossen Teil mit der Relativität dessen, was als Extremereignis empfunden wird, zusammen. Das zeigt sich unter anderem. darin, dass sich die Wahrnehmung von „extrem" im Laufe der Zeit ändern kann. Ein gutes Beispiel geben die Untersuchungen im Sure-Einzugsgebiet in Luxemburg: „Floods of the same magnitude become more important today" [3]. Wesentlich hierfür ist die vielerorts beobachtete Zunahme der verletzbaren Flächen bzw. des Schadenspotentials. So muss das Elbe-Hochwasser im Jahr 2002 vor allem als ein „man made extreme" [1] angesehen werden, denn „es spricht vieles dafür, dass es in der Vergangenheit im Elbegebiet grössere Hochwasser gegeben hat" [1]. Seit jeher wurden extreme Hochwasser primär durch das Ausmass der Schäden definiert. Erst seit die Naturvorgänge quantitativ erfasst werden, stehen objektivere Beurteilungskriterien zur Verfügung.
Da Extremereignisse selten direkt gemessenen werden können, müssen sie in der Regel indirekt erschlossen werden, etwa durch eine Analyse und Regionalisierung von Extremniederschlägen. So wurde von den Erfahrungen in Deutschland berichtet, wo verschiedene Werkzeuge zur Abschätzung von seltenen bis sehr seltenen Niederschlägen entwickelt wurden [5]. Es besteht nach wie vor ein grosser Forschungsbedarf, um aus den punktuellen, extremwertstatistisch ermittelten Starkregen maximierte und extreme Gebietsniederschlagshöhen abzuleiten. Ein in Österreich entwickelter Ansatz versucht, (extreme) Hochwasser über regionale Prozesstypen einzugrenzen, um auf der regionalen Skala letztlich eine näher am Prozess orientierte Hochwasserabschätzung zu ermöglichen [8]. Verstärkte Prozessnähe ist eine sehr berechtigte Forderung; bei Extremsituationen müssen dabei Prozesse und Prozesskombinationen berücksichtigt werden, welche bei gewöhnlichen Ereignissen oftmals nicht beobachtet werden [4].
Verschiedene Vorträge und Diskussionen anlässlich des KHR-Workshops haben deutlich gezeigt, dass sich aus der umfassenden Analyse abgelaufener Extremereignisse sehr viele aufschlussreiche, für die Praxis äusserst relevante Erkenntnisse ableiten lassen [1, 2]. Gerade auch die hochwasserstatistische Analyse profitiert massgeblich vom Einbezug historischer Ereignisse [6]. Früher wurden Extremereignisse oftmals als Ausreisser identifiziert und aus den Beobachtungsreihen entfernt! Die eigentliche wissenschaftlich Herausforderung besteht darin, (historische) Extremsituationen interdisziplinär, in Zusammenarbeit von Historikern, Hydrologen und Hydraulikern zu analysieren [1]. In Grosseinzugsgebieten ist dabei auch eine internationale Kooperation sehr wichtig [2]; hierbei könnte die KHR eine entscheidende Rolle als „Facilitator" einnehmen. Benötigt wird also eine Objektivierung der Hochwasserchronologien [1]. Solche Chronologien können dazu beitragen, plausiblere Hochwasserszenarien zu entwickeln [4], was eine Verbesserung des Hochwasserrisikomanagements ermöglichen würde.
Insgesamt sind die Vorträge im ersten Block als ein Vortasten in das nach wie vor fordernde Forschungsgebiet der Extremhochwässer zu verstehen. Ein Vortragender [4] aus dem ersten Vortragsblock brachte es auf den Punkt: „We tend to overestimate our knowledge!" Während die rückschauende Analyse schon weit entwickelt ist - nicht zuletzt aufgrund der grossen Ereignisse der letzten Jahre - steckt der vorausschauende, abschätzende oder prognostizierende Aspekt noch in den Anfängen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich mit dem Klimawandel die Unsicherheit im Bereich der Extremsituationen noch weiter erhöht, so dass Schutzmassnahmen mit dem heutigen Sicherheitsstandard zukünftig teurer ausfallen werden [7]. Damit zeigt sich einmal mehr: „Climate is what you affect, extreme events is what you get" [7].
[1] Uwe Grünewald: Extreme floods in the Elbe catchment
[2] Marcel de Wit: Extreme discharges in the Meuse basin
[3] Hugo Hellebrand: Does the perception of extremity change? An ongoing case study in the Sure river basin
[4] Bruno Merz, Annegret Thieken: Extreme scenarios and flood risk management
[5] Gabriele Malitz: Extreme precipitation in Germany
[6] Andreas Schumann: The August flood 2002 in the eastern Erz mountains and its statistical evaluation
[7] Christoph Schär: Climate Change and Hydrological Extremes
[8] Ralf Merz, Günter Blöschl: Regional flood process types
[9] Peter Schmocker: Classification of extreme floods
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| I-2_deWit.pdf | 2.16 MB |
| I-3_Hellebrand.pdf | 884.18 KB |
| I-4_MerzThieken.pdf | 2.78 MB |
| I-5_Malitz.pdf | 4.02 MB |
| I-6_Schumann.pdf | 1.39 MB |
| I-7_Schaer.pdf | 1.33 MB |
| I-8_Merz_Bloeschl.pdf | 2.69 MB |